Reparaturbetrieb des Kapitalismus

Kann mir jemand auf die Sprünge helfen? Gerd Schröder hat doch während seiner Regierungszeit einigen Firmen den Hals gerettet. Langfristig zwar nicht sehr erfolgreich, aber egal. Alle Welt hat sich darüber aufgeregt, oder nicht? Verschwendung von Steuergeldern, Firmen sollten für ihre Misswirtschaft gerade stehen. Zeter und Mordio.

Wie war das noch? Wikipedia schweigt dazu, ah: Philipp Holzmann, Baufirma, insolvent. 1999 schnürte Bundeskanzler Schröder ein Rettungspaket mit Übergangskrediten, Bürgschaft des Bundes etcetera pp. Zwei Jahre später war das Unternehmen dennoch pleite.

Richtig, Mobilcom wurde auch gerettet im Jahr 2002, wieder mit Steuergeldern – Presse und Wähler wüteten. Im Spiegel-Artikel "Gerd, der Retter" ist die Chronik der Rettungspakete, die übrigens auch Stoiber zum Kanzlerwahlkampf nutzte, nachzulesen.

Helmut Schmidt hatte 1982 zum Thema Finanzspritze für AEG folgende Meinung:

"Wir sind doch nicht der Reparaturbetrieb des Kapitalismus."

Im vergangenen Jahr wurde Rettungspaket, nein falsch, Finanzkrise das Wort des Jahres. Soso. Ohne Schwierigkeiten, ohne große Diskussion werden jetzt Milliarden von Euro locker gemacht, Banken und Firmen verstaatlicht. Diesmal regt sich aber niemand auf, oder?

Jetzt habe ich weder ein wirtschaftliches Studium absolviert noch den gerade so vielzitierten Keynes gelesen. Mir zumindest ist dieser plötzliche Geldsegen ein absolutes Rätsel. Wenn das Kindergeld um 10 Euro erhöht werden soll, wird monatelang um jeden Cent gefeilscht. Und eine Hilfe für alleinerziehende Mütter um 0,000000Nix Cent zu erhöhen, als eine dramatische Bedrohung für den Staatshaushalt der nächsten 10 Jahre verteufelt.

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Meinungen

18 Meinungen zu “Reparaturbetrieb des Kapitalismus”

  1. Ex-Kanzler am Januar 10, 2009 14:17

    Schon gruselig auch, wie ungedeckte amerikanische Immobilienkredite erst eine Bankenkrise, dann eine globale Finanzkrise und mittlerweile eine Weltwirtschaftskrise auslösen können. Gewürdigt als Wort des Jahres auch noch. Zum Glück wurden es nicht die hessischen Verhältnisse, tatsächlich. Mit “Yes, we can” hätte sich die Gesellschaft für deutsche Sprache wohl etwas ad absurdum geführt. Angesichts der Auslöser der Finanzkrise mit Finanzkrise aber auch. Quasi.

  2. Zeitgeist am Januar 10, 2009 21:57
  3. maybe am Januar 11, 2009 14:24

    Das Problem besteht im System immer dann, wenn plötzlich die Schneebälle ausgehen und Vater Staat wieder für Schnee sorgen muss.
    So kommt die Lawine wieder ins Rollen.
    Für den einfachen Steuerzahler weiter unten am Berg eher suboptimal, da wird die Hanglage sehr schnell zur Schräglage.

    (im Supermarkt gabs gestern Metaphern im Sonderangebot. Natürlich im Tiefkühlfach, wie man sieht)

  4. Ulrich am Januar 11, 2009 20:15

    Ich hab keine Ahnung, wovon meine Vorkommentatoren sprechen. Die gestellte Frage war doch, ob dir jemand auf die Sprünge helfen kann, wo der plötzliche Geldsegen herkommt?
    Also, jetzt für alle ohne Wirtschaftsstudium: Ursprünglich war Geld Tauschmittel. Die Idee dahinter, damit das funktioniert, ist die, dass die Geldmenge sich nach den vorhandenen Gütern und Dienstleistungen richtet. Der Vorteil: Du musst dem Handwerker keine Kuh mitgeben, weil der vielleicht gar keine brauchen kann. Problematisch wird es, wenn du Geld für Geld verkaufst (Zinsen). Denn plötzlich hast du viel Geld im Umlauf, das nicht mehr durch Güter und Dienstleistungen “gedeckt” ist.
    Was ist passiert? Banken in den USA haben Leuten viel Geld geliehen, ohne das Sicherheiten da sind (= fauler Kredit). Hintergrund: Man geht davon aus, dass ein Grundstück in einem Jahr sowieso das doppelte Wert ist (= Glücksspiel/Spekulation).
    Um den Leuten das Geld geben zu können, nehmen Banken selber Kredite auf, z.B. bei der Zentralbank. Jetzt ist viel Geld im Umlauf und wenn die Hauskäufer aber ihren Kredit nicht mehr zurückzahlen können, purzelt das System zusammen (so passiert). Schlaue Banken haben die Ramschkredite (B-/C-Rating) rechtzeitig weiterverkauft (z.B. an deutsche Banken).
    Wenn jetzt aber jeder Sparer sein Geld abheben würde, hätte plötzlich jeder einen Haufen wertlosen Papier in der Hand (weil es plötzlich mehr Geld gibt, als “echte Werte” – da das Geld der Kreditnehmer nicht durch Sicherheiten gedeckt ist und die Grundsütckspreise ja nicht gestiegen sind). Darum ist es erstmal für alle gut, das zu verhindern und so zu tun, als wäre nix passiert. Frage: Warum ist es aber so mühselig, der Mama zehn Euro mehr zu geben? Antwort: Weil die das Geld tatsächlich abhebt und dafür was reelles kaufen tut. Und das soll ja nicht jeder machen… Frage: Und wer profitiert jetzt letztendlich? Antwort: Der, der jetzt günstig Sachwerte (Grundstücke, Häuser, Gold etc.) von denen holen kann, die all das Papiergeld verloren haben.

  5. Manuel am Januar 13, 2009 11:36

    Sehr schön erklärt… Das mit den Kühen und Handwerkern. Ich hätte da noch eine Frage. Wenn ich 10 Kühe in Pflege hätte und mir mit diesen heimlich Häuser in den USA kaufe, weil ich hoffe, dass ich bevor ich die Kühe zurückgeben muss 15 Kühe für die Häuser bekomme. Das Haus ist aber beim Rückgabezeitpunkt nur noch 2 Kühe wert. Mache ich mich dann nicht ein bißchen strafbar? Warum haben sich die Banker nicht strafbar gemacht? Warum kann man 300 Mio Euro überweisen und keiner weiß wohin sie sind und wer es war? Warum wird nich wirklich jemand strafrechlich verfolgt? Warum wäre staatliche Kontrolle dieser Berufsverbrecher so schlimm?
    Ich habe kein Geld für eine Immobilie in Florida!Und auch nicht für den Goldschatz der Queen! Wer hat es (außer denen, die schon vorher spekuliert haben und denen den der Staat mir Millarden aushilft)? Ist das nicht ein Teufelskreislauf? Ist das System auf lange Sicht nicht eh zum Scheitern verurteilt?
    Wenn es eh egal ist – Warum bekomme ich vom Staat einfach ein Papier auf dem steht “DAS HAUS GEHÖRT JETZT DIR”?
    UND JETZT DIE ALLESENTSCHEIDENDE FRAGE: Warum bekommt jemand der keine Gegenleistung erbringt oder erbracht hat überhaupt Geld? Egal, ob alleinerziehende Mutter. HARZ IV, der noch nie gearbeitet hat usw. Wäre es nicht logischer die Sozialleistungen aufgrund von Vorleistungen zu berechnen? Egal ob alleinerziehend oder arbeitslos… DAS WÄRE KAPITALISMUS HERR SCHMIDT

  6. Ulrich am Januar 14, 2009 0:35

    Da muss man unterscheiden. Die Sozialleistungen leiten sich vom Solidaritätsprinzip ab. Das dazugehörige Wirtschaftssystem nennt sich soziale Marktwirtschaft. Die Mehrheit des Volkes hat in demokratischen Wahlen einfach entschieden, dass die Starken den Schwachen zur Seite stehen. Ausnahme ist die Arbeitslosenversicherung. Die greift nur für Leute, die auch gearbeitet haben und in diese Versicherung eingezahlt haben.

    Das Prinzip der eigenverantwortlichen Vorsorge könnte man dem (Neo-)Liberalen Wirtschaftsgedankengut zuschreiben. Ist ein Risiko jedoch nicht kalkulierbar, kommt auch dort statt einer privatwirtschaftlichen Lösung eine staatliche Risikoabsicherung oder eine Pflichtversicherung zum Tragen.

    Wer heute Neoliberalismus sagt, meint eigentlich den Manchasterkapitalismus. Das war der wilde Kapitalismus während der industriellen Revolution in Großbritannien, der vor allem in Manchester in der Textilindustrie exzessiv betrieben wurde. Vielleicht kennt ja noch jemand den Begriff Manchasterhose (Kordhose), der aus der Zeit stammt.

    Banken sind Unternehmen. Wer mit Unternehmen Geschäfte macht, sollte sich im Klaren sein, ein Risiko einzugehen. Dieses Risiko vergüten Banken mit Zinsen. Weil Oma lieber auf Risiko verzichtet hat, hat sie das Geld unter der Matratze aufbewahrt. Wer Angst vor Einbrechern und Verwandtschaft hat, mietet ein Bankschließfach und bewahrt es dort auf, kriegt aber keine Zinsen dafür.

    Wer einem Freund eine Kuh leiht und wenn dieser die Kuh im eigenem Namen verkauft, dann hat der Freund eine Straftat begangen, weil sie ihm nicht überlassen wurde, um den Wert der Kuh zu steigern. Wer einem Unternehmen eine Kuh leiht, damit sie dort arbeitet und mit 100 Liter Milch zurückkommt und das Unternehmen macht pleite, dann ist das eine Insolvenz. Dann kann man einen Anspruch beim Insolvenzverwalter anmelden. Hat halt nicht geklappt.

    Warum haben sich die Banker, die aus Dödelei Millionen Euros an Pleiteunternehmen überwiesen haben, nicht strafbar gemacht? Weil es hierzulande nicht strafbar ist, eine Niete zu sein. Würde man es strafbar machen, wären die Gefängnisse überfüllt.

  7. Manuel am Januar 19, 2009 10:36

    Geil …
    Das ist mal eine Erklärung :-)
    Danke

    Ich hab noch eine letzte Frage zur Arbeitslosenversicherung.

    Wenn ich in 10 Jahren ca. 60.000 Euro in diese Versicherung zahle warum bekomme ich dann nur 12 Monate Arbeitslosengeld. (Natürlich ist die Frage nur rhetorisch: Es ist so beschlossen worden.)

    Da es sich ja um eine Pflichtversicherung handelt, die mich bei Arbeitslosigkeit versichert ist es für mich nicht einzusehen warum meine Beiträge als Überschuß deklariert werden und nicht als Einlagen. Das ist weder gerecht noch sozial. Im Gegenteil. Es ist eher Unsozial, wenn Arbeitnehmer die 20 oder 30 Jahre eingezahlt haben nach 12 Monaten auf den Status eines 18 Jährigen, der noch nie gearbeitet hat zurückgestuft werden.

    Hätte ich die Möglichkeit die Arbeitslosenversicherung nicht zu zahlen würde ich das Geld privat anlegen und hätte sicherlich (für eine gewisse Zeit) eine bessere und längere Versorgung im Falle einer Arbeitslosigkeit. Danach würde ich ja trotzdem Harz IV bekommen.

    Man merkt schon, dass ich mit dem System nicht ganz zufieden bin. Vor allem wird es ja von Jahr zu Jahr schlechter. Egal ob Kranken-, Renten- oder Arbeitslosenversicherung…

    Ich finde: Jede grundlegende Entscheidung der Regierung sollte durch einen Volksentscheid bestätigt werden. Besonders die Diäten.

  8. Ulrich am Januar 19, 2009 15:52

    Volksentscheid für Deutsche über grundlegende Politikerentscheidungen? Das wären ja irische Verhältnisse – man denke nur an den EU-Staatsvertrag.

  9. maybe am Januar 19, 2009 19:42

    Basisdemokratie?
    Um Gottes Willen, bloß nicht.
    Das System krankt ja jetzt schon daran, dass oft Leute, die keine Ahnung haben, etwas entscheiden, das sich auf alle auswirkt. (Als Beispiel nur mal die Rechtschreibreform angeführt)
    Wenn man jetzt noch per Volksentscheid die Unwissenheit breiter aufstellt,…
    Holt mich hier raus!!

  10. Stef am Januar 20, 2009 10:34

    Naja, das Problem ist, dass die Politiker leider selten schlauer sind als ihr Volk. Wenn man sich mal anschaut, wie viel Energie in Pendlerpauschale, Rauchverbot, ganz aktuell Abwrackprämie… sonstige Reformen und Gegenreformen gesteckt wird. Viele davon werden wieder rückgängig gemacht, gekippt, wieder reformiert. Tut mir leid, aber das ist doch stochern im Trüben.

    Und erinnert mich an Hans Söllners “Wie Gesetze entstehen”…

  11. Stef am Januar 20, 2009 11:00

    Von tagesschau.de erfahre ich gerade, dass “Notleidende Banken” das Unwort des jahres 2008 ist. hahaha

  12. maybe am Januar 20, 2009 13:15

    Das alte demokratische Problem:
    auch die 80-90% geistiges Fußvolk wollen und werden in der Regierung vertreten sein.
    Da wirds dann gern auch mal dummokratisch.
    Aber mal ganz abseits der Polemik:
    Die Diäten sind vermutlich nicht hoch genug, sodass wir eben größtenteils gescheiterte Lehrkräfte und freie Juristen in politischer Verantwortung haben.
    Auch wieder ein altes Problem: Die guten gehen in die (gutbezahlte) Wirtschaft, die schlechten lassen sich wählen.

  13. Stef am Januar 21, 2009 20:51

    Nochmal zur Arbeitslosenversicherung. Ich habe mein Studium mit Arbeit verdient, Rentenversicherung bezahlt und in die Krankenversicherung und was noch. Um die Abzüge auszugleichen hatte ich zum Schluss drei Jobs.

    Als Geisteswissenschaftler habe ich mich nach dem Studium (vor Hartz-IV-Zeiten) sicherheitshalber arbeitslos gemeldet. Kann ja keiner ahnen, dass ich mit nem Heiratsstudium sofort Arbeit finde, aber egal.

    So, jetzt war ich also braver Student, der keine Steuerzahler auf der Tasche liegen wollte und dachte Vater Staat hilft ein bisschen, bis ich wieder vollwertig arbeitendes Mitglied der Gesellschaft bin. Pustekuchen. Nüscht, keinen Cent.

    Ach, und mein Bafög (satte 80 Mark!!!) durfte ich dann auch gleich mit einer Zweiwochenfrist noch im 3. Semester zurückzahlen. Hatte den Fehler begangen aus Geldnot einen Job anzunehmen.

    Muss ich das verstehen?

  14. Ulrich am Januar 22, 2009 12:18

    Der Ehrliche ist immer der Dumme ;)
    Was ist ein Heiratsstudium?

  15. Stef am Januar 22, 2009 13:49

    Böse Zungen nannten früher die geisteswissenschaftlichen Studiengänge oft Heiratsstudium. Sie waren der Meinung, dass Frauen etwas Seichtes studieren, um mal an der Uni eingeschrieben gewesen zu sein und einen Mann abzukriegen.

  16. Ulrich am Januar 23, 2009 19:27

    Ah, und ich dachte an eine Hauswirtschaftsschule…

  17. Manuel am Januar 26, 2009 10:38

    Ich kann mich über Bafög nicht beschweren: Habe Höchstsatz Elternunabhängig als verlorenen Zuschuß bekommen. Das war sehr cool. Nebenbei noch gearbeitet also keine finanziellen Probleme ;-)

    Themawechsel: Was ist so schlimm daran, dass einige Länder den EU-Staatsvertrag per Volksentscheid abgelehnt haben? Ich denke mal nix. Der ganze EU-Quatsch geht mir auf die Nerven! Für die Staaten hat es bestimmt seine Vorteile. Doch wenn es um Geld geht kennt keiner der EU-Staaten Spaß. Selbst innerhalb des Wirtschaftsraums gibt es immer noch Zölle und Einfuhrbeschränkungen. Wenn die Staaten sich an solchen “Kleinigkeiten” aufhängen und den Bürgern vorleben, warum soll der einfache Bürger sich für ihre “ehrenhaften” und “hochtrabenden” Ziele eines geeinten Europas mit einer gemeinsamen Verfassung interessieren? Ist es nicht eine Art die Bürger zu hintergehen, wenn man aus “Verfassung” plötzlich einen EU-Staatsvertrag macht, um den einen oder anderen Volkentscheid zu umgehen. WENN DAS VOLK (EGAL OB DUMM, GROSS, KLEIN, SCHWARZ, WEISS) SICH GEGEN ETWAS ENTSCHEIDET, dann haben es die Herrn Politiker und auch alle Anderen zu akzeptieren, weil es die Grundregel der Demokratie ist. Versucht man mit Tricks das Volk zu umgehen ist dies für mich eine Art von Intelekuellendikatur oder im Fall der meisten Politiker einen Diktatur von Bauernschlauen mit guten Beratern.

  18. Ulrich am Januar 26, 2009 11:32

    Sarkasmus-Alarm. So war das von mir gemeint. Echte Opposition seitens Politik sucht man vergebens, ist sie vorhanden, wird sie mit aller (Staats-)Macht bekämpft, hat man den Eindruck.

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