München unterm Hakenkreuz
Fast täglich bin ich früher an den Kulissen des Nationalsozialismus achtlos vorbeigelaufen, -geradelt, -gefahren. Meist mit Musik in den Ohren oder Pubertätsproblematik im Kopf. Ich kannte die Wunden der Erinnerung. Die Löcher im Bauch des Pferdes vor der Pinakothek oder den Löchern in der Mauer der Universitätsbibliothek. Aber über die wirkliche Rolle, die München und seine Bürger im zweiten Weltkrieg spielten, wusste ich nichts. Die Daten des Geschichtsunterrichts vermittelten nur gesichtslose Fakten. Sonst spielte sich in meinem Kopf alles in Berlin, West- und Ostfront ab.
Während der Weihnachtsfeiertage sensibilisierte mich eine Dokumentation im Fernsehen: Hitlers Hauptstädte. Ein schweifender Blick durchs Bücherregal blieb auf „München unterm Hakenkreuz“ hängen, dass ich noch in der Nacht verschlang. Gespickt mit interessanten und relevanten Anekdoten aus dem Münchner Alltag, werden Schicksale und Geschichte begreifbar.
So läuft mancher am Bayerischen Amt für Wirtschaft in der Ludwigstraße vorbei und bemerkt nicht die schmiedeeisernen Hakenkreuze an den Kellerfenstern oder die Soldatenhelme über den Balkonen. Und dass die Viscardi-Gasse, die Theatiner- und Residenzstraße verbindet, Drückbergergassl hieß, wissen die wenigsten. Links von der Feldherrnhalle war Grußpflicht an einem Mahnmal der NS. Die pfiffigen Münchner gingen also einfach rechts vorbei und drückten sich so ums Grüßen.
Die Führung durch das ehemalige Parteizentrum am Königsplatz war spannend und gruselig zugleich. Da wo heute das Zentralinstitut für Kunstgeschichte ist, spürt man schon im Lichthof, zweigeschössig, gesäumt von ausladenden Galerien, das Grauen vergangener Tage. Die schweren, hohen Flügeltüren und der Marmorboden – welche Schicksale hier verantwortet wurden, kann man förmlich spüren.
Weniger bekannt, aber bemerkenswert:
- Autobomben gab es schon im ersten Weltkrieg.
- Als 1943 die Luftangriffe über München stärker wurden, malte man zur Desorientierung der Allierten Dächer auf die Platten des Königsplatzes.
- Die gotische Schrift, die so häufig verwendet und für besonders deutsch gehalten wurde, kommt aus Frankreich.
- Adolf Ziegler, einen NS-Künstler, nannte man den „Reichsschamhaarmaler“.
- Hitler selbst, hatte in seinem Arbeitszimmer keine NS-Kunst, sondern Lenbach und Spitzweg hängen.
Im Zuge der Entnazifizierung, wurden die Bauten zu kulturellen Einrichtungen. Die Musikhochschule und das Zentralinstitut für Kunstgeschichte. Die Architektur im Inneren ist beeindruckend, pompös und megaloman. Äußerlich sind – bis auf die zugemörtelten Löcher über den Balkonen – keine Wunden zu erkennen.
Kategorie: Journalie, Unfasslich | Tag: Königsplatz, München, Nationalsozialismus, Politik, Verwaltungsbau
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3 Meinungen zu “München unterm Hakenkreuz”
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Es gab noch das Gestapo-Hauptquartier und die Ehrentempel am Königsplatz für die Gefallenen des Hitlerputsches. Beides haben die Amerikaner gesprengt. Die Gestapo saß im Wittelsbacher-Palais, wo sich heute die Bayerischer Landesbank findet. Zu erwähnen wäre vielleicht noch, dass Hitler und Speer halb München für die monumentale Ost-West-Achse einreißen wollten. Dazu ist es nicht mehr gekommen.
[...] Interessantes zum Thema gibts auf dem Blog Verschattet.de von Stef. Veröffentlicht [...]
Hier noch eine Anekdote aus München:
Adolf Hitler lebte in der Grillparzerstrasse Ecke Prinzregentenplatz. Seine Wohnung hatte einen kleinen Balkon, von dem er auf die gegenüberliegende Seite blicken konnte. Dort lebte Eva Braun … Es heißt so hätten sie sich kennen gelernt.
Heute ist auf der gegenüberliegenden Seite das jüdische Gemeindezentrum und in Hitlers Haus sitzt die Polizeiinspektion (PI 22). Die Stadt hatte sich dazu entschlossen das Haus zu kaufen, um einen rechten Wallfahrtsort zu vermeiden. Unglücklicherweise erfolgte der Umzug in die neue Wache an einem 20.April (Hitlers Geburtstag). Zu Spät bemerkte der Beamtenschimmel, dass dies sehr kontraproduktiv ist. Aber sie fanden eine gute Lösung indem sie alle Unterlagen, die diesen Umzug dokumentierten, umdatierten. So wird es niemals Spekulationen um diesen „Zufall“ geben.