Konzertmitschrift – Quadro Nuevo

Quadro Nuevo

Quadro Nuevo im Lindenkeller in Freising (24. März 2007 – aktuelles Programm: Tango bitter sweet)

Quadro Nuevo ziehen mich mit wilden, mal melancholischen, verzaubernd fremdartigen Tangorhythmen immer tiefer in ihren Bann und lösen dabei ein Feuerwerk an Emotion und Ideen in Bauch und Kopf aus.

Sie spielen nicht nur exotische Instrumente wie Mandoline und Vibrandoneon (ein Nasenakkordeon – unfasslich, sogar Kinderspieluhr), Mulo Francel etwa lässt seine Bass-Klarinette zum Didgeridoo werden. Minutenlang pumpt Luft durch Nase, Backen, Instrument. Völlig hypnotisiert ziehen sie mich und den ganzen Saal hinein in den nächsten Tango.

Quadro Nuevo “spielt” keine Instrumente, sie leben sie. Jeder im Saal spürte, dass sie Teil von ihnen sind – ein weiteres Körperteil. Wie tief Musik dann unter die Haut geht. Wie intensiv müssen die Vier mit ihren Instrumenten und ihrer Musik leben, um die Macht zu haben, derart einzudringen und zu verzaubern?

Meine Gedanken drehen schnell wie der Tango.

Was man aus seinem Leben macht, ist viel zu oft von Dritten abhängig. Nur die Wenigsten haben den Mut ihr Leben selbst, unbeeinflusst, kompromisslos zu führen.

Die Meinung anderer ist jedem Einzelnen von uns so bedeutend, dass wir – dennoch unwissentlich – bereit sind, unser Leben zu ändern, anzupassen, um zu gefallen. Wirklich frei denken, frei sprechen wird dadurch lachhaft utopisch.

Quadro Nuevo spielt mittlerweile das zweite Lied, das den Titel „Trauriger Sonntag“ trägt. Warum sind gerade Sonntage, an denen es endlich möglich wäre, frei von Arbeit, Sorge oder Konsumdruck, Wahrhaftigkeit und Sinnhaftigkeit zu erfahren, so unendlich traurig? Werden wir zu Monstern, Ungeheuern, wenn uns die Möglichkeit gegeben, unseren Emotionen freien Lauf zu lassen? Ist zivilisiertes Zusammenleben nur möglich, wenn wir viel zu abgelenkt von uns selbst sind?

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Meinungen

2 Meinungen zu “Konzertmitschrift – Quadro Nuevo”

  1. Ulrich am März 28, 2007 9:20

    Sonntage sind deshalb für viele Menschen traurig, weil sie sich dann mit sich selbst auseinandersetzen müssen. Zu Monstern und Ungeheuern werden die Leute aber eher in ihrer ‘Nicht-Freizeit’, wenn jeder “nur” seine Pflicht tut. Wobei das deutsche Pflichtbewußtsein sehr ausgeprägt ist, wie wir in den Geschichtsbüchern nachlesen können. Zivilisation hat meiner Meinung nach nichts mit Ablenkung zu tun. Sie entsteht vielmehr aus der Disziplin des ‘Nicht-Tuns’ – also der freien Entscheidung, etwas nicht zu tun, obwohl ich es tun könnte (Mensch/Tier – Instinkt/freier Wille). Zivilisiertes Zusammenleben ist folgendermaßen – unabhängig vom Wochentag – eine Frage der gelebten Werte und Ethik. Ein zivilisiertes Zusammenleben, das auf Ablenkung vom Selbst basiert wäre zutiefst undemokratisch, da es impliziert, dass das Schicksal des Einzelnen nur durch Fremdbestimmung zivilisiert verlaufen kann. Ein beliebtes Argument von Diktatoren und Monarchen. Lange Rede, kurzer Sinn: Sonntag ist, was du draus machst. :)

  2. Bananenschale am Juni 29, 2009 22:35

    Meiner Meinung nach ist der Sonntag für viele Menschen traurig, weil sie schon wieder an Montag denken;-)
    Eine kleine Bemerkung sei mir noch gestattet: Mensch und Tier durch einen Schrägstrich zu trennen, ist nicht mehr zeitgemäß. Längst wissen wir um unsere unzähligen Gemeinsamkeiten mit den Tieren, und dass weder Tiere unfähig zur Entscheidung noch Menschen frei von Instinkten sind!

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